BRAFV600E-mutiertes metastasiertes Kolorektalkarzinom (mCRC)

Ein Expertenpanel sieht in der Zweifachblockade Encorafenib kombiniert mit Cetuximab einen beträchtlicher Zusatznutzen bei der Behandlung des metastasierten Kolorektalkarzinoms mit BRAFV600E-Mutation nach systemischer Vortherapie. So das Fazit einer aktuellen Nutzenbewertung.

Die Zweifachblockade bestehend aus dem BRAF-Inhibitor Encorafenib (BRAFTOVI®) [1] und dem anti-EGFR-Antikörper Cetuximab ist seit Juni 2020 zur Behandlung von Patienten mit BRAFV600E-mutiertem metastasierten Kolorektalkarzinom (mCRC), die bereits eine systemische Vortherapie erhalten haben, durch die Europäische Kommission zugelassen [1,2]. Am 17. Dezember 2020 stellte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA)* einen «Anhaltspunkt für einen beträchtlichen Zusatznutzen» der Zweifachblockade gegenüber der zweckmässigen Vergleichstherapie (Irinotecan + Cetuximab und FOLFIRI + Cetuximab) fest [3,4]. Für die Endpunktkategorien Mortalität und Nebenwirkungen bestehen laut G-BA deutliche Vorteile bei der Therapie mit der Zweifachblockade gegenüber der zweckmässigen Vergleichstherapie. Auch hinsichtlich der Morbidität zeigt sich laut G-BA ein Vorteil für die Zweifachblockade [4].

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) besteht aus den vier grossen Selbstverwaltungsorganisationen im Gesundheitswesen Deutschlands (Kassenärztliche Bundesvereinigung, Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung, Deutsche Krankenhausgesellschaft und Spitzenverband der Krankenkassen). Er bestimmt, welche medizinischen Leistungen Versicherte in Anspruch nehmen können. Das Bewertungsergebnis des G-BA bildet die Basis für die Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband zum Erstattungsbetrag.

 

Encorafenib kombiniert mit Cetuximab: Verlängerung Gesamtüberleben

Für die Nutzenbewertung wurden die Ergebnisse der randomisierten, offenen, multizentrischen Phase-III-Studie BEACON-CRC herangezogen (Kasten) [3–6]. Diese Studie evaluierte die Kombination aus dem BRAF-Inhibitor Encorafenib (BRAFTOVI®) und dem anti-EGFR-Antikörper Cetuximab mit und ohne den MEK-Inhibitor Binimetinib gegenüber Chemotherapie (FOLFIRI oder Irinotecan) plus Cetuximab. Eingeschlossen wurden Patienten mit metastasiertem BRAFV600E-mutiertem Kolorektalkarzinom, die eine Krankheitsprogression nach einer oder zwei vorherigen systemischen Therapien aufwiesen. Primäre Wirksamkeitsendpunkte waren OS und ORR in der Therapiegruppe unter Dreifachblockade verglichen mit der Kontrollgruppe. Die Studie war auf den hauptsekundären Endpunkt – OS in der Therapiegruppe mit Zweifachblockade gegenüber der Kontrollgruppe – gepowert. Die Datenauswertung der Studie zeigt hinsichtlich des Gesamtüberlebens (OS) eine statistisch signifikante Verlängerung durch die Behandlung mit Encorafenib + Cetuximab im Vergleich zu Irinotecan + Cetuximab oder FOLFIRI + Cetuximab (Kasten). Das Ausmass der OS-Verlängerung wird vom G-BA unter Berücksichtigung der schlechten Überlebensprognose für Patienten mit BRAF-mutierten Tumoren sowie dem fortgeschrittenen Krankheits- und Behandlungsstadium als eine «deutliche Verbesserung im therapeutischen Nutzen» bewertet [4]. In der Endpunktkategorie Morbidität besteht laut G-BA unter Therapie mit der Zweifachblockade eine relevant geringere Belastung der Patienten durch Diarrhö. Hinsichtlich der Nebenwirkungen konstatiert der G-BA «ausschliesslich positive Effekte für Encorafenib + Cetuximab» [4]. In der Endpunktkategorie gesundheitsbezogene Lebensqualität ergibt sich nach Ansicht des G-BA weder ein Vorteil noch ein Nachteil durch die Zweifachblockade. In seinem Fazit stellt der G-BA anhand der Studiendaten einen «Anhaltspunkt für einen beträchtlichen Zusatznutzen für Encorafenib + Cetuximab gegenüber Irinotecan + Cetuximab oder FOLFIRI + Cetuximab» fest [3,4].

 

 

BEACON-CRC-Studie nachträglich in die Bewertung ein­bezogen

Durch die positive Bewertung des G-BA wurde der Entscheid eines Gutachtens des Institutes für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) vom September 2020 revidiert, in welchem die massgebliche Zulassungsstudie BEACON-CRC als nicht verwertbar für die Zusatznutzenbeurteilung eingestuft worden war, da die Hinzunahme von Cetuximab zu Irinotecan respektive FOLFIRI im Kontrollarm eine laut IQWiG nicht sachgerechte Abweichung von der zuvor durch den G-BA definierten zweckmässigen Vergleichstherapie darstellte [7]. Unter Berücksichtigung der gemeinsamen Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie der (DKG), der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) sowie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (DGVS) änderte der G-BA jedoch die zweckmässige Vergleichstherapie durch Ergänzung der EGFR-Inhibitoren (Cetuximab, Panitumumab) in Kombination mit Irinotecan-haltigen Therapien [4,8]. Aufgrund dieser nachträglichen Änderung konnte die Zulassungsstudie BEACON-CRC schliesslich doch durch den G-BA zur Bewertung des Zusatznutzens herangezogen werden. «Mit dem ‹Anhaltspunkt für einen beträchtlichen Zusatznutzen› für unsere mCRC-Indikation wurde die initial negative Bewertung des IQWiG auf Basis der nicht getroffenen zweckmässigen Vergleichstherapie durch den G-BA vollkommen revidiert», erklärt Dr. Kai Neckermann, Business Unit Direktor Onkologie (Deutschland-Österreich-Schweiz) bei Pierre Fabre. Eine Entscheidung des G-BA entgegen der Empfehlung des IQWiG sei bemerkenswert und spreche für die hohe Belastbarkeit der Daten. «Wir freuen uns sehr, da dies den Wert der Therapie für die Patienten adäquat widerspiegelt.», so Neckermann weiter.

 

 

Auf Basis der Primäranalyse der BEACON-CRC Studie erteilte die Europäische Kommission im Juni 2020 die Zulassung für die Zweifachblockade aus Encorafenib (BRAFTOVI®) plus Cetuximab zur Behandlung erwachsener mCRC-Patienten mit BRAFV600E-Mutation nach systemischer Vortherapie [1]. Die Studie wurde weltweit an über 200 Zentren durchgeführt und von ONO Pharmaceutical, Pierre Fabre, Array BioPharma/Pfizer und Merck unterstützt.

 

Literatur:

  1. Fachinformation BRAFTOVI®: Pierre Fabre Pharma GmbH, Stand Juni 2020.
  2. European Medicines Agency: BRAFTOVI® (encorafenib) Summary of Product Characteristics, www.ema.europa.eu, letzter Abruf Januar 2021.
  3. Gemeinsamer Bundesausschuss, Beschluss vom 17.12.2020. Arzneimittel-Richtlinie/Anlage XII: Encorafenib (neues Anwendungsgebiet: metastasiertes Kolorektalkarzinom mit BRAF-V600E-Mutation nach systemischer Vortherapie; in Kombination mit Cetuximab), www.g-ba.de, letzter Abruf Januar 2021.
  4. Gemeinsamer Bundesausschuss, Tragende Gründe zum Beschluss vom 17.12.2020. Arzneimittel-Richtlinie/Anlage XII: Encorafenib (neues Anwendungsgebiet: metastasiertes Kolorektalkarzinom mit BRAF-V600E-Mutation nach systemischer Vortherapie; in Kombination mit Cetuximab), www.g-ba.de, letzter Abruf Januar 2021.
  5. Kopetz S, et al.: Encorafenib, binimetinib, and cetuximab in BRAFV600E–mutated colorectal cancer. N Engl J Med 2019; 381(17): 1632–1643.
  6. Kopetz S et al.: J Clin Oncol 2020; 38(15_suppl): Abstract #4001 und Präsentation.
  7. IQWiG-Berichte – Nr. 976: Encorafenib (Kolorektalkarzinom) – Nutzenbewertung gemäss § 35a SGB V; Dossierbewertung V1.0 Stand 29.09.2020. Abrufbar unter: www.g-ba.de, letzter Abruf Januar 2021.
  8. Stellungnahme zur Nutzenbewertung gemäss §35a SGB V, Encorafenib (Neues Anwendungsgebiet metastasiertes kolorektales Karzinom), IQWiG Bericht Nr. 976; AIO, DGHO, DGVS, 22. Oktober 2020, www.dgho.de/publikationen, letzter Abruf Januar 2021.
  9. The Global Cancer Observatory, 2018. International Agency for Research on Cancer, World Health Organization, https://gco.iarc.fr/today/data/factsheets/cancers/10_8_9-Colorectum-fact…, letzter Abruf Januar 2021.
  10. Van Cutsem E, et al.: Ann Oncol 2016; 27(8): 1386–1422.
  11. Modest DP, et al.: Ann Oncol 2016; 27(9): 1746–1753.
  12. «Anhaltspunkt für beträchtlichen Zusatznutzen beim BRAF-mutierten mCRC: G-BA bewertet Zweifach­blocka­de bestehend aus Encorafenib und Cetuximab positiv», Pierre Fabre GmbH, 11.1.21

 

InFo ONKOLOGIE & HÄMATOLOGIE 2021; 9(1): 37–38

Damit Sie den vollständigen Artikel lesen können, müssen Sie sich einloggen oder neu registrieren.